Wie LGBTQ+-Aktivist:innen 1970 einen County stürmen wollten – und die Gesellschaft veränderten
Clara FrankeWie LGBTQ+-Aktivist:innen 1970 einen County stürmen wollten – und die Gesellschaft veränderten
1970 entstand in der Los-Angeles-Abteilung der Gay Liberation Front ein kühner und ungewöhnlicher Plan: Aktivist:innen schlagen vor, 479 schwule Männer und lesbische Frauen in den Alpine County in Kalifornien umzusiedeln – mit dem Ziel, die lokale Regierung zu stürzen. Die Aktion sollte Diskriminierung herausfordern und die Gesellschaft zwingen, LGBTQ+-Rechte als legitime politische Bewegung anzuerkennen.
Die Idee einer ländlichen schwul-lesbischen Utopie begann mit einem Traum. Don Jackson, ein queerer Aktivist und Journalist, träumte von einem sicheren Rückzugsort, an dem LGBTQ+-Personen frei leben konnten. Er teilte das Konzept mit Don Kilhefner, einem Organisator der Gay Liberation Front, der es 1970 auf einer Pressekonferenz vorstellte.
Der Plan umfasste drei zentrale Schritte: die establishment einer legalen Wohnsitznahme im Alpine County, die Forderung nach einem Rücktritt der amtierenden Regierung und deren Ersatz durch eine rein homosexuelle Verwaltung. Um die Machbarkeit zu prüfen, wurden Aufklärungsteams entsandt, die die Eignung der Region bewerten sollten. Ihre Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass die geringe Einwohnerzahl des Countys – damals nur 400 Bewohner:innen – einen solchen Machtwechsel theoretisch möglich machte.
Die Nachricht vom Vorhaben verbreitete sich rasant und löste bei manchen Anwohner:innen des Alpine County Empörung aus. Viele sahen darin eine Invasion, andere hielten es für absurd. Doch der Plan erregte landesweite Aufmerksamkeit und legte weitverbreitete Vorurteile offen. Zwar wurde die Übernahme nie umgesetzt, doch die öffentliche Debatte zwang die Menschen, ihre Vorbehalte zu hinterfragen. Statt schwule Aktivist:innen als „krank“ oder unmoralisch abzustempeln, begann die Öffentlichkeit, sie als ernstzunehmende politische Kraft wahrzunehmen.
Heute gilt der Alpine County als liberale Hochburg. 2008 stimmte er gegen Proposition 8, das landesweite Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe – ein deutlicher Wandel der Einstellungen seit 1970.
Letztlich war der Alpine-Plan weniger ein ernsthafter Versuch, die Macht zu übernehmen, als vielmehr eine strategische Provokation. Er lenkte die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf die LGBTQ+-Bewegung in einer entscheidenden Phase. Indem die Aktivist:innen Grenzen austesteten, ebneten sie den Weg für größere Akzeptanz und politische Teilhabe in den folgenden Jahrzehnten.






