Weimarer Republik: Wie ein Flaggenstreit Deutschland spaltete und die Gesellschaft polarisierte
Lukas BraunWeimarer Republik: Wie ein Flaggenstreit Deutschland spaltete und die Gesellschaft polarisierte
Flaggen tragen oft eine tiefe politische Bedeutung, und ihr Design kann hitzige Debatten auslösen. In den 1920er-Jahren war das Deutsche Reich der Weimarer Republik in einen erbitterten Streit über die Nationalfarben verstrickt, der das Land spaltete. Der Konflikt spiegelte ähnliche Auseinandersetzungen in anderen Nationen wider, wo Flaggen zu Symbolen größerer politischer Spannungen wurden.
Im Mittelpunkt der deutschen Kontroverse standen zwei Farbkombinationen: Schwarz-Rot-Gold, bevorzugt von Links- und Zentrumsparteien, sowie Schwarz-Weiß-Rot, unterstützt von der politischen Rechten. Die Frage war bereits seit Jahren ungelöst, nachdem die Nationalversammlung vergeblich versucht hatte, sie zu klären. Noch 1926 schwelte der Streit weiter – ohne absehbare Lösung.
Im Mai jenes Jahres erließ Reichspräsident Paul von Hindenburg die Zweite Flaggenverordnung. Der Schritt folgte einem Vorschlag von Reichskanzler Hans Luther, der nach Druck der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) handelte, die die alten kaiserlichen Farben wiederherstellen wollte. Die Verordnung verfügte, dass deutsche Botschaften und Konsulate außerhalb Europas sowohl die schwarz-rot-goldene Nationalflagge als auch die schwarz-weiß-rote Handelsflagge hissen sollten.
Die Entscheidung war bewusst provokant. Hindenburg und seine Anhänger wussten, dass sie damit die linke und bürgerliche Mitte noch stärker hinter Schwarz-Rot-Gold vereinen würde. Selbst der Versuch eines „Reichskunstwartes“, einen Kompromissentwurf zu schaffen, war gescheitert – das Land blieb so zerrissen wie eh und je. Der Streit zog sich bis 1933 hin, als sich die politische Landschaft grundlegend veränderte.
Deutschland war mit seinen Flaggenkonflikten nicht allein. In Frankreich dauerte es achtzig Jahre, bis die Trikolore nach der Revolution voll akzeptiert wurde. Auch die Einführung des roten Ahornblatts als kanadische Nationalflagge in den 1960er-Jahren löste heftige Proteste aus. Und das Vereinigte Königreich sah sich ebenfalls mit Debatten über nationale Symbole konfrontiert.
Der Flaggenstreit der Weimarer Republik offenbarten die tiefen Gräben in der deutschen Gesellschaft. Zwar sollte die Verordnung von 1926 die Spannungen mildern, doch sie verschärfte nur die Polarisierung zwischen den politischen Lagern. Erst mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die Flaggenfrage gewaltsam und ohne Konsens „gelöst“.






