24 March 2026, 06:17

Lilli Tolkiens Debüt entblößt eine zerrissene Kindheit im Berlin der 1980er

Ein abgegriffenes Buch mit einer alten Karte von Berlin auf dem Cover, das Straßen, Gebäude und Sehenswürdigkeiten zeigt, begleitet von Texten über die Stadt Details.

Lilli Tolkiens Debüt entblößt eine zerrissene Kindheit im Berlin der 1980er

Lilli Tolkien debütiert mit Mit beiden Händen den Himmel stützen – ein erschütterndes Porträt einer Kindheit im West-Berlin der 1980er

Lilli Tolkien zeichnet in ihrem Debütroman Mit beiden Händen den Himmel stützen ein schonungsloses Bild einer Kindheit im West-Berlin der 1980er-Jahre. Im Mittelpunkt steht Lale, ein fiktives Mädchen, das in einer chaotischen Männer-WG aufwächst, in der radikale Politik, Sucht und Vernachlässigung aufeinandertreffen. Von frühester Kindheit an ist ihr Leben geprägt von Instabilität, Gewalt und dem Fehlen jeglichen Schutzes.

Lales Start ins Leben könnte kaum dramatischer sein: Mit nur achtzehn Monaten schluckt sie die Rohypnol-Tabletten ihrer Mutter, während diese benommen und regungslos daliegt. Der Vorfall bringt sie vorübergehend in staatliche Obhut. Ihr Vater, ein Kleinkrimineller mit Verbindungen zur linksradikalen APO-Bewegung, sitzt zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis und kann nicht eingreifen.

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Doch auch die WG, in der Lale schließlich aufwächst, ist kein sicherer Ort. Zwar diskutieren die männlichen Bewohner tagsüber über Revolution, doch die Nächte verkommen in exzessivem Alkoholkonsum, harten Drogen und endlosen Partys. Frauen kommen und gehen, doch Lale bleibt die einzige dauerhafte weibliche Präsenz. Die Schule wird zu ihrem einzigen Fluchtpunkt, einem Ort, an dem sie aufblüht – bis die Pubertät einsetzt. Dann zerbricht ihre Welt in Sucht, instabile Beziehungen und weiteres Trauma.

Die Misshandlungen beginnen früh. Ein Mitbewohner verübt bereits in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch an ihr, doch niemand bemerkt es. Ihr Vater, der später in die WG zieht, bleibt ahnungslos über ihr Leid. Selbst die Drogen, die überall in der Wohnung herumliegen, sind unausweichlich. Als sie die Teenagerjahre erreicht, ist der Schaden nicht mehr rückgängig zu machen: Aus der begabten Schülerin, die sie einst war, ist ein Opfer desselben zerstörerischen Kreislaufs geworden, der ihre Erziehung prägte.

Tolkien zeigt in ihrem Roman auf, wie systemische Versagen – familiär, ideologisch und gesellschaftlich – Lales Schicksal besiegeln. Die revolutionäre Rhetorik der Kommune schützt sie nie vor deren grausamer Realität. Stattdessen bleibt sie sich selbst überlassen in einer Kindheit, in der Vernachlässigung und Gewalt ungehindert wüten, lange bevor sie die Worte findet, um sie zu benennen.

Quelle