Europa kämpft mit 11-Milliarden-Projekt um digitale Souveränität gegen USA und China
Clara FrankeEuropa kämpft mit 11-Milliarden-Projekt um digitale Souveränität gegen USA und China
Europa drängt auf mehr Kontrolle über seine digitale Zukunft, während die Sorgen über die Abhängigkeit von US-amerikanischer und chinesischer Technologie wachsen. Eine neue Welle von Projekten, angeführt von Unternehmen wie Schwarz Digits, zielt darauf ab, eigene Infrastruktur aufzubauen und die Abhängigkeit von ausländischen Anbietern zu verringern. Dieser Schritt spiegelt einen größeren Trend wider, den Experten als "digitale Souveränität" bezeichnen – eine Strategie, um Daten, Rechenleistung und Innovation innerhalb Europas zu halten.
An der Spitze dieser Bewegung steht Schwarz Digits, eine Tochter des Handelsriesen Schwarz Group. Das Unternehmen investiert 11 Milliarden Euro in ein gigantisches Rechenzentrum in Lübbenau (Brandenburg), das selbst die größten globalen Einrichtungen übertreffen soll. Mit Platz für 100.000 Grafikprozessoren (GPUs) wird der Standort die zehnfache Rechenleistung des jüngst von Deutsche Telekom und Nvidia errichteten deutschen Datenzentrums bieten. Doch Schwarz Digits handelt nicht allein – in ganz Europa entstehen Allianzen und staatlich geförderte Initiativen, die Europas technologische Unabhängigkeit zurückgewinnen wollen.
Das Lübbenau-Projekt markiert einen kühnen Schritt für Schwarz Digits, das von Rolf Schumann und Christian Müller geleitet wird. Ihr Ziel: aus der Handelsgruppe einen bedeutenden Anbieter digitaler Infrastruktur zu machen. Die neue Anlage soll nicht nur die eigenen Datenbedürfnisse der Schwarz Group decken, sondern auch überschüssige Speicher- und Rechenkapazitäten an externe Kunden verkaufen. Im Gegensatz zu einigen Konkurrenten setzt das Unternehmen auf Open-Source-Technologie, um Transparenz und eine strengere Kontrolle über die Datenströme zu gewährleisten.
Schumann betont, dass Europa aufhören müsse, sich im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) als Nachzügler zu sehen, und stattdessen seine Stärken nutzen solle. Während die USA bei großen Sprachmodellen dominieren, sieht er Europas Chancen in Bereichen wie industrieller Automatisierung, Logistik und sicherer Datenverarbeitung. Die Regulierung werde dabei eine Schlüsselrolle spielen, so Schumann. Ein klarer rechtlicher Rahmen für KI könnte Vertrauen schaffen und gleichzeitig sicherstellen, dass Unternehmen verantwortungsvoll handeln.
Europas Streben nach digitaler Souveränität beschränkt sich nicht auf Schwarz Digits. Im März 2026 präsentierte das Euro-Office-Bündnis – angeführt von Ionos und Nextcloud – eine souveräne Alternative zu Microsoft Office. Die auf EU-Servern gehostete und vollständig DSGVO-konforme Suite umfasst Tools von EuroStack, XWiki, OpenProject, Soverin, Abilian und bTactic. Gleichzeitig entwickelt das EURO-3C-Projekt, das in Barcelona mit 75 Millionen Euro Förderung gestartet wurde, ein Telekom-Edge-Cloud-Netzwerk unter Beteiligung von 87 Organisationen.
Andere Initiativen verfolgen unterschiedliche Ansätze. STACKIT, ein weiteres Unternehmen der Schwarz Group, bietet Cloud-Dienste für die öffentliche Verwaltung und die Industrie an. Delos Cloud, eine Tochter von SAP, stellt ab 2026 eine auf Microsoft basierende, aber unter strenger staatlicher Aufsicht stehende souveräne Cloud für deutsche Behörden bereit. Jedes Projekt zielt auf eine spezifische Nische ab – ob Bürosoftware, Edge-Computing oder regulierte Cloud-Dienste –, doch alle verfolgen dasselbe Ziel: die technologische Abhängigkeit Europas von ausländischen Mächten zu verringern.
Schumanns Vision geht über die Infrastruktur hinaus. Er sieht KI als "Produktivitätsmotor", der Europa realen wirtschaftlichen Nutzen bringen könnte – vorausgesetzt, der Kontinent spielt seine industriellen und regulatorischen Stärken aus. Die Herausforderung besteht nun darin, aus Ehrgeiz Wirklichkeit werden zu lassen, während Europa Innovation mit dem Bedarf nach sicheren, selbstkontrollierten digitalen Systemen in Einklang bringt.
Das 11-Milliarden-Euro-Rechenzentrum in Lübbenau wird nach seiner Fertigstellung eines der leistungsstärksten Computernetzwerke Europas sein. Zusammen mit Projekten wie Euro-Office, EURO-3C und Delos Cloud zeigt es einen entschlossenen Vorstoß, die digitale Landschaft des Kontinents neu zu gestalten. Gelingt dies, könnte Europa weniger von ausländischen Tech-Giganten abhängig sein – und mehr Kontrolle über seine Daten, Industrien und wirtschaftliche Zukunft gewinnen.






